Demenz erkennen und begleiten
Demenz verändert vieles, Schritt für Schritt. Erst langsam und schleichend, dann immer rapider. Erste Anzeichen wahrnehmen, Risikofaktoren kennen und ein sicheres Zuhause gestalten
„Ein Uhrticken. Dann ein Kesselpfeifen. Draußen ist es schon dunkel. Ich stehe in der Küche, halte einen Löffel in der Hand. Aber wofür? Aus dem Radio läuft ein altes Lied. Die Melodie kommt mir bekannt vor. Mein Blick fällt auf den Wandkalender. Das Datum sagt mir nichts. Ich greife nach dem Kessel. Dumpfe Schritte im Flur. Eine Tür geht auf. „Oma, ich bin's!" Ein junger Mann betritt die Küche. Er lacht, nimmt mir sanft den Kessel aus der Hand und stellt ihn vom Herd. „Setz dich, ich mach uns Tee." Da fällt es mir wieder ein: Jonas, mein Enkel. Er kommt jeden Mittwoch zum Tee vorbei. Wir setzen uns an den Küchentisch, so wie immer.“
Jonas' Oma hat Alzheimer. Wie 1,2 Millionen Menschen in Deutschland auch.
Demenz – was ist das?
Alzheimer ist eine Ausprägung der Demenz – umgangssprachlich häufig auch als „Altersdemenz“ bezeichnet. Der Begriff „Demenz“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet wortwörtlich so viel wie „ohne Geist“. Menschen mit Demenz verlieren allmählich ihre geistigen Fähigkeiten, einschließlich ihres Gedächtnisses, ihres Urteilsvermögens und ihrer Sprache. Medizinisch beschreibt „Demenz“ eine fortschreitende Erkrankung des Gehirns, die auf dem Verfall und dem Absterben von Gehirnzellen beruht.
In Deutschland sind rund 1,8 Millionen Menschen von Demenz betroffen, wobei etwa zwei Drittel von ihnen mit der Diagnose „Alzheimer“ leben. In Sachsen und Sachsen-Anhalt lebten laut Deutscher Alzheimer Gesellschaft im Jahr 2023 mehr als 160.000 Betroffene, die 65 Jahre und älter sind. Das sind ungefähr so viele Menschen, wie in Halberstadt, Plauen, Quedlinburg und Bitterfeld-Wolfen zusammengenommen leben. Eine Prognose gibt an, dass bis 2050 die Anzahl der Demenzkranken in ganz Deutschland auf 2,4 Millionen steigen wird.
Die vier Phasen der Alzheimer-Demenz
Der Krankheitsverlauf von Alzheimer lässt sich grob in vier Phasen beschreiben. Hierbei ist zu beachten, dass der Verlauf der Krankheit immer individuell ist und davon abhängt, welche Gehirnregionen von Alzheimer betroffen sind, wie gut die körperliche Fitness der betroffenen Person ist und wie das menschliche Umfeld den Menschen in seinen Bedürfnissen fördernd begleiten kann. Aus diesem Grund gibt es keinen typischen Krankheitsverlauf für Alzheimer, sondern lediglich Stadien, die beschrieben werden können und deren Übergänge fließend verlaufen. Manche Angehörige beobachten dabei keinen gleichmäßigen Verlauf, sondern eine plötzliche und deutliche Verschlechterung – umgangssprachlich häufig als „Demenzschub“ bezeichnet. Ein Arztbesuch kann in solchen Fällen helfen zu klären, ob eine behandelbare Ursache wie ein Infekt dahintersteckt.
1. Phase: Frühes Stadium (Anfangsstadium)
Im Anfangsstadium sind leichte Beeinträchtigungen der kognitiven Fähigkeiten feststellbar, lassen sich aber durch etwas mehr Anstrengung und Konzentration im Alltag gut bewältigen. Hier ist vor allem das Kurzzeitgedächtnis betroffen.
2. Phase: Leichtes Stadium
In diesem Stadium treten vor allem leichte Gedächtnisstörungen auf, die den Alltag beeinträchtigen. Betroffene haben „Wortfindungsstörungen, sind in ihrer Auffassungsgabe sowie beim Planen und Problemlösen eingeschränkt und können sich zeitlich und räumlich nicht mehr sicher orientieren“ (Deutsche Alzheimer Gesellschaft Landesverband Bayern e.V.). Einfache alltägliche Aufgaben wie Wäsche waschen, kochen und einkaufen lassen sich noch ganz gut allein bewältigen. Für komplexe Aufgaben wie eine Banküberweisung benötigen Betroffene jedoch inzwischen Unterstützung.
3. Phase: Mittelschweres Stadium
Neben dem Kurzzeitgedächtnis ist im Stadium der mittelschweren Alzheimer-Demenz jetzt auch das Langzeitgedächtnis betroffen. An wichtige Lebensereignisse können sich die Betroffenen teilweise nicht mehr erinnern: Haben sie Kinder? Wie lautet der Name des Ehepartners? Welchen Beruf haben sie ausgeübt? Auch finden sie sich immer schwerer zurecht, sowohl außerhalb als auch innerhalb der eigenen vier Wände. Zur Orientierungslosigkeit kommen Stimmungsschwankungen: Misstrauen, Gereiztheit, Nervosität und Aggressionen.
4. Phase: Schweres Stadium
In dieser Phase bauen Alzheimererkrankte auch körperlich ab und sind pflegebedürftig bzw. bettlägerig. Inkontinenz, Krampfanfälle und abnehmende Mobilität insgesamt schränken den Bewegungsradius stark ein. Aber auch Atmen, Kauen und Schlucken fallen immer schwerer und führen zu Ernährungsstörungen.
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Was sind die Symptome bei Demenz?
Erste Demenzanzeichen sind oft unspezifisch und werden leicht mit normaler Altersvergesslichkeit verwechselt. Typische Symptome umfassen Gedächtnisverlust, Verwirrung, Orientierungsprobleme, Sprachprobleme und Schwierigkeiten bei alltäglichen Aufgaben. Frühe Anzeichen können vergessliche Momente, Veränderungen im Sozialverhalten und Probleme mit der Wortfindung sein. Die Alzheimer Forschung Initiative e.V. hat hierzu zehn Anzeichen für eine frühzeitige Alzheimer-Erkennung festgehalten. Bemerkenswert ist hier, dass eine Abgrenzung zur normalen Altersvergesslichkeit aufgezeigt wird – nicht jede Vergesslichkeit deutet gleich auf eine Demenzerkrankung hin.
Frühe Anzeichen von Demenz können subtil sein, daher ist eine genaue Beobachtung des Verhaltens wichtig. Tritt eine Demenz bereits vor dem 65. Lebensjahr auf, spricht man auch von Frühdemenz – nicht zu verwechseln mit dem frühen Krankheitsstadium, das unabhängig vom Lebensalter auftreten kann. Damit Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit einer Demenzerkrankung gesetzt werden können, sollten diese mindestens ein halbes Jahr auftreten. Wenn Vergesslichkeit im Alter zunimmt, oder es wiederholt zu Orientierungsproblemen kommt, kann ein Demenztest beim Hausarzt sinnvoll sein. Zu den frühen Anzeichen einer beginnenden Alzheimer-Demenz zählen:
- Gedächtnislücken
- Schwierigkeiten beim Planen und Problemlösen
- Räumliche und zeitliche Orientierungsprobleme
- Probleme mit gewohnten Handlungen
- Wahrnehmungsstörungen
- Neue Sprach- und Schreibschwäche
- Verlegen von Gegenständen
- Eingeschränktes Urteilsvermögen
- Verlust von Eigeninitiative und Rückzug aus dem sozialen Leben
- Veränderung der Persönlichkeit und des Verhaltens: plötzliche Stimmungsschwankungen
Wohin kann man sich im Verdachtsfall wenden?
Ein Verzeichnis mit Einrichtungen, die sich auf Demenzdiagnostik sowie die Untersuchung und Behandlung von Gedächtnisproblemen spezialisiert haben und sogenannte Gedächtnissprechstunden anbieten, finden Sie auch online für Sachsen unter www.demenz-in-sachsen.de und für Sachsen-Anhalt unter www.demenz-sachsen-anhalt.de.
Dort finden Sie Einrichtung für eine Gedächtnissprechstunde in Ihrer unmittelbaren Nähe. Die Früherkennung von Alzheimer und anderen Demenzformen lohnt sich: Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht es, die Erkrankung mit Medikamenten sehr gut zu behandeln.
7 Risikofaktoren für Demenz
Nicht jede Demenz lässt sich verhindern. Doch ein erheblicher Teil der Fälle hängt mit beeinflussbaren Risikofaktoren zusammen. Die international maßgebliche Lancet-Kommission zur Demenzprävention hat ihren Bericht zuletzt im Juli 2024 aktualisiert und nennt darin 14 beeinflussbare Risikofaktoren, die zusammen für rund 45 Prozent aller Demenzfälle weltweit verantwortlich sein sollen. Sieben davon sind im Alltag älterer Menschen und ihrer Angehörigen besonders greifbar:
- Bluthochdruck – unbehandelter Bluthochdruck im mittleren und höheren Lebensalter zählt zu den einflussreichsten Einzelfaktoren. Regelmäßige Kontrolle und eine gute medikamentöse Einstellung wirken gegen.
- Bewegungsmangel – körperliche Aktivität fördert die Durchblutung des Gehirns. Schon regelmäßige Spaziergänge oder leichtes Training wirken sich positiv aus.
- Diabetes Typ 2 – ein gut eingestellter Blutzucker senkt das Risiko für Gefäßschäden, die auch das Gehirn betreffen können.
- Schwerhörigkeit – unversorgter Hörverlust gehört laut der Lancet-Kommission zu den einflussreichsten Einzelfaktoren überhaupt. Ein rechtzeitig angepasstes Hörgerät kann gegensteuern.
- Sehverlust – seit dem Bericht 2024 neu aufgenommen. Regelmäßige Augenuntersuchungen und eine passende Sehhilfe wirken vorbeugend.
- Soziale Isolation – wer sozial eingebunden bleibt, senkt sein Risiko nachweislich. Genau hier setzen Angebote wie eine Angehörigen-App oder der regelmäßige Kontakt zu einer 24/7-Rufzentrale an.
- Depressionen – depressive Erkrankungen gelten als eigenständiger Risikofaktor für Demenz. Eine frühzeitige Behandlung kann gegensteuern.
Die übrigen sieben von der Lancet-Kommission genannten Faktoren – geringe Bildung im frühen Lebensalter, Rauchen, Übergewicht, übermäßiger Alkoholkonsum, Kopfverletzungen, hohes LDL-Cholesterin und Luftverschmutzung – sind ebenfalls beeinflussbar, betreffen aber häufiger frühere Lebensphasen oder erfordern eher strukturelle als individuelle Maßnahmen. Wichtig ist: Das Vorliegen einzelner Risikofaktoren bedeutet nicht automatisch, dass eine Demenz entsteht. Gleichzeitig stellt ihr Fehlen keine Garantie dar, keine Demenz zu entwickeln.

Das Leben nach der Diagnose „Alzheimer“
Menschen mit demenzieller Erkrankung fällt es immer schwerer, sich auf ihre Umgebung einzustellen. Sie haben demnach Bedürfnisse, auf die sich ihre Umgebung, die Menschen in ihrem Haushalt und weitere Angehörige zunächst einstellen müssen. Je nach Stadium der Erkrankung können Demenzkranke noch sehr lange zuhause in ihrer vertrauten Umgebung wohnen. Wie wohl sie sich in ihrer Umgebung fühlen, hängt davon ab, wie sehr sich diese Umgebung auf ihre Bedürfnisse ausrichtet. Die Anpassung der äußeren Umstände an die Situation erkrankter Menschen wird dabei als „Milieutherapie“ bezeichnet. Die individuelle Situation und der Fortschritt der Demenzerkrankung sollten immer in die Entscheidung mit einbezogen werden, welche Maßnahmen in der häuslichen Umgebung auch tatsächlich angebracht sind.
Für den Umgang mit Demenzkranken im eigenen zuhause haben sich unter anderem folgende Maßnahmen bewährt:
- Herd mit Abschaltautomatik oder Hitzewache installieren.
- Zur Verbesserung der zeitlichen Orientierung gut lesbare Uhren und Abreißkalender mit großen Zahlen und Symbolen anbringen.
- Für die Absicherung zu Hause: Temperaturmelder in den Räumen installieren, die schnelle Temperaturanstiege registrieren und durch einen Signalton mitteilen. Für den Ernstfall bieten sich auch Rauchwarnmelder an, die an eine Hausnotrufzentrale angeschlossen sind und bei Rauchentwicklung unmittelbar einen Notruf absetzen.
- Bewegungswege in der Wohnung frei räumen und gut ausleuchten.
- Medikamente, Hygieneartikel, Feuerzeuge, Kerzen und Streichhölzer sicher aufbewahren. Schränke und Schubladen, die gefährliche Geräte, Gegenstände oder Reinigungsmittel enthalten, abschließen oder mit einer Sicherung versehen.
- Aqua-Stop-Systeme anbringen lassen.
- Bewegungsmelder oder Signalgeber installieren, die das Verlassen der Wohnung anzeigen. Kontaktmatten sind hier ebenso eine Hilfe wie die DRK Sicherheitsuhr. Diese bietet zusätzlich den Service einer Angehörigen-App, über die Angehörige ihre Liebsten im Blick haben und im Notfall orten können. Zudem ist die DRK Sicherheitsuhr an die Hausnotrufzentrale angeschlossen. Im Notfall löst sie per Knopfdruck direkt einen Notruf aus, den die DRK 24/7 Rufzentrale vermittelt und schnelle Hilfe organisiert.
- Auch ein Hausnotruf kann unterstützen. Die Tagestaste eines Hausnotrufgerätes bietet die Möglichkeit, dass Menschen mit Demenz regelmäßig ein Lebenszeichen signalisieren. Und so funktioniert der Hausnotruf mit Tagestaste: Die Tagestaste soll täglich einmal morgens und einmal abends gedrückt werden. So wissen wir, dass es der abgesicherten Person gut geht. Bleibt das Drücken der Tagestaste aus meldet sich eine Fachkraft aus der Hausnotrufzentrale und hört nach dem Rechten. Sie können beruhigt sein und wissen: Um Ihre Liebsten gesorgt und im Ernstfall schnelle Hilfe vor Ort.
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